Wettbewerb FH Joanneum Kapfenberg, 3. Platz

Kapfenberg, 2022

STÄDTEBAULICHES KONZEPT

Das Bestandsgebäude mit seiner physischen Präsenz im Stadtraum, sein Verhältnis zu biographischen Ereignissen und ein damit verbundenes kontinuierliches Fortschreiben seiner baulichen Beschaffenheit prägen den Ausdruck wesentlich.

Die architektonische Regelhaftigkeit des gründerzeitlichen Gebäudes erlaubt eine Änderung der Nutzungsbestimmung. Das Gebäude als Bildungsbau nimmt eine besondere Rolle hinsichtlich Bedeutung im städtischen Gefüge ein. Ziel des städtebaulichen Entwurfes ist es, nicht nur eine den Nutzungserfordernissen entsprechendes Gebäude, sondern einen Ort zu schaffen, der sich für menschliche Zirkulation und Manipulation eignet.

Die physische Präsenz und Bedeutung des Hochschulgebäudes wird erhöht, indem ein neuer Stadtbaustein kompakt an den Bestand gefügt wird. Eine neue Einheit entsteht. Das „Neue“ ordnet sich ein, aber keinesfalls unter. Der neue Bauteil als Zeitgenosse geht mit dem historischen eine spannungsvolle Beziehung ein und bildet ein Paar. Im Süden entsteht ein Kopfbau bzw. ein neues repräsentatives Gesicht zur Stadt.

Die Bedingungen des Bauens aufgrund der klimatischen Veränderungen haben sich geändert und der neue Baukörper reagiert nicht nur hinsichtlich zeitgenössischer Ausformulierung, sondern auch in seiner Materialität (Holz) auf die Veränderungen. Zusätzlich sorgt die Kompaktheit auch für eine vielschichtige Effizienz. Im Westen wird mit baulichem Sonnenschutz (Terrassen/ Verschattung / Bepflanzung) auf die Gegebenheiten reagiert.

ORGANISATION

Vorne – Hinten, neue Wertigkeit

Vorne bleibt die den Straßenzug prägende Fassade bestehen. Räumlich ergänzt wird das Haus durch ein großzügiges Vordach, das einen repräsentativen Charakter hat und keinen Zweifel daran lässt, dass es sich hier um einen städtischen Baustein handelt, der eine besondere Rolle im urbanen Gefüge spielt. Eine prägnante Adresse entsteht. Durch den Raum unter dem Dach, geht das Öffentliche über das Halböffentliche in das Private über. Unter dem Dach ist Platz, der sich als Stadtterrasse versteht, der für Begegnungen und Verweilen auf Sitzstufen einlädt, aber auch das Anliefern wird durch diese Zone ermöglicht. Rampen gewährleisten die Barrierefreiheit. Eine Ladezone im Straßenraum ermöglicht, dass das grüne „Hinten“ verkehrsfrei bleibt, wobei auch im Westen eine reibungslose Anlieferung möglich wäre. Der Vorplatz bietet auch den Fahrradfahrern Platz zum Abstellen, das Stadtmobiliar ermöglicht ein Rasten und Kommunizieren für die Fußgänger.

Das städtische Vorne und das grüne Hinten wird über eine Zufahrt verbunden, an der sich auch die Parkplätze befinden.

Das „Hinten“ ist geprägt vom Landschafts- und Grünkörper. Die Mürz und ihr begleitender Uferraum bestimmen die Atmosphäre des Ortes. Der Uferraum wird so gestaltet, dass er erlebbar und zugänglich wird und den Studierenden und Mitarbeitern einen unvergleichlichen Erholungsraum bietet. Dort wo die Autos parken, wird eine Stützmauer, die gleichzeitig Sitzbank ist, errichtet und Schutz vor Hochwasser bietet. Der vorgelagerte Park bietet den Radfahrern auch einen Pavillon an, um witterungsgeschützt das Fahrrad abstellen zu können. Am Pavillon umlaufend ist eine Sitzbank, die ebenfalls zum Studieren an der frischen Luft einlädt. Rad- und Flanierweg werden bis zur Bahn nach Westen weitergeführt, um eine Durchwegung aus allen Richtungen zu gewährleisten. Der Grünraum ist im Kontrast zur Geometrie des Gebäudes in seiner Formensprache sehr weich und gelassen. Da dem „Hinten“ durch die Addition eines neuen Baukörpers eine neue Rolle zukommt, kann auch hier das Gebäude bequem und barrierefrei erschlossen werden. Eine raumhaltige Fassade leitet wieder vom Öffentlichen ins Private über.

Innere Organisation

Ziel der inneren Organisation des Fachhochschulgebäudes ist, geordneten, strukturierten Raum für lustvolles Lernen und Studieren, aber auch für pädagogisches Handeln, zu schaffen.

Sämtliche Funktionseinheiten sind geschossweise und autonom organisiert.

Ringförmige Erschließung – Bewegungs- und Begegnungsraum

Eine ringförmige Erschließung, die sich um einen neu geschaffenen Luftraum schmiegt, schafft ein effizientes Erschließungssystem. Durch Nischen, die schon allein aus den Gegebenheiten des Bestandes entstehen, ist der Ring nicht nur Bewegungs- sondern auch Begegnungsraum.

Durch den Luftraum entsteht ein Lichthof und eine vertikale Sichtverbindung, die aus einer gründerzeitlichen Gangschule einen atmosphärischen und angemessen Hochschulorganismus macht.

Die beiden Stiegenhäuser werden mittels automatischen Brandschutzschiebetüren mit integrierten Gehflügel im Brandfall zu gesicherten Fluchtwegen, die direkt ins Freie führen.

Raumfolge zwischen Aula und Grünraum – Hinaus Studieren

Das Erdgeschoss ist lebendiger Lern- und Lebensraum mit einer Aula die den Studierenden ausreichend Platz einräumt und multifunktionale und kommunikative Mitte bildet. Deshalb wurden – ohne Frage – die frequentierten Seminar- und Projekträume im Erdgeschoss um die Aula situiert, die über eine Treppenlandschaft einen Übergang in die Naturlandschaft schafft. Studentisches Leben ist über die räumlichen Grenzen hinaus in den erholsamen Grünraum wie selbstverständlich möglich.

Die Bibliothek, ebenfalls als bedeutender Ort im Erdgeschoss, findet ihre Fortsetzung bzw. Verlängerung zum Studieren der Fachliteratur in der Aula.

Im ersten Obergeschoss ist das Skillcenter auf einer Ebene, um den Lichthof, organisiert. An der wenig attraktiven Nordseite finden sich die Umkleiden für die Studierenden sowie für Mitarbeiter.

Das zweite Obergeschoss, mit dem unvergleichlichen Panorama beinhaltet die Hörsäle, Verwaltung und die Räumlichkeiten für die Mitarbeiter. Die beiden Hörsäle können an der Längsseite miteinander verbunden werden, auch der Dachkörper ist in diesem großen Volumen erlebbar und sorgt für einen besonderen Raumeindruck. Außerdem unterstützt er eine angenehme Akustik. Auf einer Terrasse kann beispielsweise nach der Sponsion entspannt und mit Weitblick angestoßen werden.

BAUPLASTIK

Verschränkung von Baukörper und Raumkörper

Die Fassaden sind raumhaltig. Im Westen ist die Fassade erdgeschossig arkadiert und beherbergt in dieser Raumschicht einen witterungsgeschützten Aufenthaltsbereich im Freien. Gleichzeitig bildet die Anlagerung dieser räumlichen Schicht des Übergangs, einen baulichen Sonnenschutz, der besonders im Westen eine große Rolle spielt. Im zweiten Obergeschoss schieben sich die Hörsäle in diese Schicht und verdrängen den Raumkörper.

Das Dach als fünfte Fassade, wird ebenfalls plastisch als Satteldach über dem neuen Zubau ausformuliert. Das „Alte“ bleibt mit seinem Walm bestehen. Eine maßstäbliche und im Kontext stehende Dachlandschaft entsteht. Das „Neue“ will das „Alte“ nicht dominieren, sondern die beiden Dachkörper gehen eine dialektische Beziehung miteinander ein. Das Dach des Bestandsgebäudes erhält eine Belichtungsöffnung, der historische Dachstuhl bleibt bestehen und wird im Innenraum über den Lichthof erlebbar gemacht. Die Entwässerung in der Ichse wird über vier Fallrohre sichergestellt.

MATERIALITÄT – OBERFLÄCHEN – NACHHALTIGKEIT

Verbindlich

Zu Räumen, die alle Sinne ansprechen, stellt sich sofort eine Verbindung her.

Nachhaltiges Holz und Sichtbeton (Erdgeschoss) mit ihren haptischen Eigenschaften sorgen für ein angenehmes Empfinden und Garantieren gleichzeitig die nötige Robustheit. Ausschlaggebend das Erdgeschoss nicht in Holz zu konstruieren, ist die Hochwassergefahr, der aber gleichzeitig mit der Anhebung des Außenniveaus entgegengewirkt wird.

Es wird nur auf einige wenige Materialien gesetzt. Nicht Farbe, sondern die Oberflächen mit ihren spezifischen Eigenschaften stehen im Vordergrund. Für ein buntes Treiben sorgen die Studierenden selbst.

Vertikales Grün verortet in Trögen, die gleichzeitig ein grünes Geländer bilden, sorgen an heißen Tagen für ein angenehmes Mikroklima und kompensieren versiegelte Flächen.

Durch die kompakte geometrische Form wird das Verhältnis thermische Hülle zu beheiztem Volumen optimiert. Gleichzeitig bilden im Westen die Terrassen den konstruktiven Sonnenschutz, um im Sommer eine Überwärmung zu vermeiden.

ENTWICKLUNG – ERWEITERUNG – POTENTIALE

Aufgrund der Kompaktheit des Gebäudes ist auf den angrenzenden Grundstücken eine städtebauliche Setzung, eine Erweiterung bzw. die Expansion zu einem Fachhochschulcampus unkompliziert möglich.

Eine „hausinterne“ Erweiterung ist aufgrund des Dachgeschosses, das weiterhin als Raumressource zur Verfügung steht gegeben. Die Treppenhäuser und der Aufzug werden ins Dachgeschoss und ins Untergeschoss weitergeführt. Der Neubau kann bei Bedarf unterkellert werden.